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for ensemble (2019)

Sehr oft geht es in meiner Musik um Kraft. Kraft, nicht bloß als physisches Phänomen, sondern auch als immaterielle Macht. Es scheint einerseits, als ob diese Kraft in der Lage ist einen Zustand langsam zu entwickeln oder ihn schlagartig zu verändern, und andererseits, als existiert sie auch in einer Stille unmerklich, lautlos, gar im Vakuum, um einen Zustand zu erhalten. Diese Kraft ist überall, so wie Gottes Allmacht überall ist.

Ein himmlisches Geschenk kommt zu uns herunter, dass wir heilig und unschuldig werden, die wir ursprünglich unheilig und schuldig waren. Das dies geschieht, liegt nicht in unserer Macht, sondern alleinig in der des Heiligen Geistes. Am Anfang der Geschichte des Heiligen Geistes sah jeder der Anwesenden jene Beweise, die in der Bibel in Form einer Erzählung metaphorisch verzeichnet wurden. All diese Aspekte der Geschichte haben mich stark inspiriert. Sie wird als solche nicht anekdotisch dargestellt, sondern spielen in diesem Stück eine allumfassende Rolle, indem sie durch ihre Eigenheit die Texturen der Figuren und der Form entwirft.

 

Das Stück beginnt mit einem schwebend horizontalen Prozess, in dem jeder Streicher eine eigene Melodie vom Choral hat, die aber aufgrund der abweichend unordentlichen Tonfolge nicht klar hörbar ist. Ziel ist, dass die Streicher mit allen Fragmenten, die sich vertikal bewegen, zusammengehen und schließlich zu einem Fundamental für einen Aufbau des dichten Windes werden. Im letzten Abschnitt tritt das Zuspiel des Windgeräusches aus den im Saal möglichst hoch gehängten bzw. gestellten 4 Lautsprechern auf. Es wirkt vor allem mit dem Luftgeräusch der auf der Bühne verstärkten Trompete in Interaktion und realisiert hiermit die verklanglichte Interpretation des dem Stück namensgebenden Begriffes ’herunter’. Mit verschiedenen Materialien und an verschiedenen Seiten des Flügels wird das Klavier lediglich als Klangerzeuger, also quasi zweiten Schlagzeuger ausgeführt.

Uraufführung ensemble EWCM am 26.Mai 2019